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Dönerstag

9 min read

(Work in progress. Bin mit dem Artikel noch nicht 100% zufrieden, aber arbeite dran.)

In dieser Karwoche ist es wieder so weit: am Gründonnerstag treffen sich unzählige Geocacher_innen bei einem besonderen Event: dem Dönerstag.

Die Ursprünge

Mir gefällt dieses Wortspiel Dönerstag - Gründonnerstag. Da hört man noch den Ursprung des Dönerstag am Gründonnerstag heraus. Denn während sich die Dosenverrückten beim Döner treffen, treffen sich Christinnen und Christen Gründonnerstag in ihren Kirchen. Dort feiern und erinnern sie sich an das letzte Abendmahl von Jesus mit seinen Freunden. Damals vor 2000 Jahren haben sie zusammen gesessen oder -gelegen und miteinander gegessen. Vermutlich haben sie miteinander das Seder-Mahl des Pessachfestes gefeiert.

Ich hatte gleich das Gefühl, dass es Gemeinsamkeiten gibt zwischen dem, was wir da mit der Geocaching-Community am Dönerstag tun und dem, was wir in den Kirchen an Gründonnerstag feiern. Und ich habe mal genauer hingeschaut, was das denn sein könnte.

Das Seder-Mahl des jüdischen Pessah-Festes

Ich bin auf das gestoßen, was jüdische Gläubige damals aßen und auch noch heute zu Pessah essen. Von der christlichen Abendmahlstradition her ist uns vor allem vertraut, dass dort Matze, ein ungesäuertes, flaches Fladenbrot, gegessen wird. Dazu wird Wein getrunken. Dann isst man auch noch (bittere) Kräuter, die in gesalzenes Wasser getaucht werden, ein braunes Fruchtmus und Gartengemüse. Dazu wird heute als Symbol oder als Teil der Hauptmahlzeit auch ein Stück Lamm gereicht, als Erinnerung an frühere Opfer, als der Tempel in Jerusalem noch nicht zerstört war. Das hat alles sehr tiefe Bedeutung, die ich hier mal weg lasse. Bei Interesse googelt "Pessah".

Die Speisen und die dazu gesprochenen Texte und Gebete des Seder-Mahles erinnerten und erinnern die jüdischen Gläubigen an ein sehr wichtiges Ereignis, DAS Ereignis in der jüdischen Geschichte: die Flucht aus Ägypten, den Exodus, die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, also DIE kollektive Befreiungserfahrung eines ganzen Volkes. Diese Erfahrung wird erzählt, groß gefeiert und damit verinnerlicht. Das stärkt, vertieft und festigt die Gemeinschaft.

So feierten die jüdischen Familien damals und auch noch heute. (In 2017 sogar in der gleichen Woche, in der die Christen Tod und Auferstehung Jesu feiern.) Das feierte auch Jesus mit seinen Freunden bevor er verraten und hingerichtet wurde.

Die Feier des Gründonnerstags

In der christlichen Tradition feiern wir an Gründonnerstag also quasi eine Doppelerinnerung: einmal an eben diesen Befreiungs-Exodus aus der jüdischen Erfahrung, daneben aber vor allem die Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu, welches die Grundlage für unsere kirchlichen Abendmahls- und Eucharistiefeiern ist. In manchen Kirchengemeinden wird daher nicht nur ein Abendmahls-Gottesdienst/eine Eucharistie gefeiert, sondern anschließend auch ein gemeinsames, besonderes Mahl, das an die jüdische Seder-Mahl-Tradition erinnert. (Den weiteren liturgischen Schwerpunkt, dass wir in den Kirchen Gründonnerstag den Beginn des Leidens Jesu feiern, lasse ich in diesem Fall bewusst außen vor.)

Der Dönerstag

Und der Dönerstag in der Geocaching-Community? Der hat noch keine so lange Tradition. „Der erste Dönerstag fand am 5. April 2007 statt, Zentralevent war Döner's Tag 2007 von moenk an einem Döner-Imbiss in Berlin.“ (Zitat und mehr Infos zum Dönerstag siehe Cache-Wiki)

Man trifft sich am Gründonnerstag, dem Dönerstag, zusammen mit Freunden in einem Döner-Restaurant zum gemeinsamen Döner-Essen. Da gibt es dann dieses Fladenbrot (ok, kein ungesäuertes Brot, aber auch flach) mit Lammfleisch und Gemüse. Dazu redet man eine Menge, erinnert sich an tolle Erlebnisse, wie dieses befreiende Gefühl, eine besonders schwierige Aufgabe gemeistert zu haben und gibt sich gegenseitige Unterstützung, wenn es an einer Ecke hakt. Das stiftet Gemeinschaft und verbindet. Fallen da nur mir Parallelen zur Seder-Mahl- bzw. Abendmahls-Tradition auf?

Parallelen

Mir gefällt das! Und es gibt in meinen Augen eine Menge Parallelen zu Gründonnerstag in den Kirchen. Ok, es geht beim Erinnern zwar nicht um ein so einschneidendes Ereignis wie die befreiende Erfahrung des Exodus. Und es werden beim Dönerstag auch keine (religiösen) Texte rezitiert oder Gebete gesprochen. Aber auch ohne religiösen oder gar christlichen Bezug finde ich, dass bei diesen Events auf aktuelle Weise genau das praktiziert wird, was wir in den Kirchen an Gründonnerstag liturgisch feiern: ein gemeinsames Mahl mit Freund_innen mit zufällig (?) ähnlichen Zutaten wie beim Seder-Mahl und dem verbindenden Erzählen von Erinnerungen und Erlebnissen.

Geistliche Dimensionen?

Das mag für andere Kirchenmenschen, Theolog_innen und Liturgiker zu banal und oberflächlich und ohne besondere geistliche Dimension sein. Klar. So ist das ja auch von der Idee her nicht gemeint. Ich sehe aber für mich persönlich durchaus hinter all dem ein geistliches Geschehen bzw. gebe dem diese Bedeutung - eine individuelle Deutung, der sich niemand anschließen muss.

Mahl halten

Wir essen ein gemeinsames Mahl, bei dem man in den Zutaten Ähnlichkeiten zum Seder-Mahl erkennen kann. (Gemeinsames) Essen steht für satt werden, nicht nur im körperlichen Sinn, sondern auch im übertragenen. Es gibt auch einen Hunger nach Nähe, nach Anerkennung, Wertschätzung, angenommen zu sein, wie man ist. Es sind Sehnsüchte, die Gläubige auch an Gott richten. Beim gemeinsamen Essen kann (sic!) bruchstückhaft erfahren werden, wie auch diese Arten von "Hunger" gestillt werden.

Erinnern

Wir sprechen über Erfahrungen und Erinnerungen, helfen einander. Das Zuhören, einander Helfen und füreinander Dasein ist für mich als Glaubende immer zutiefst religiöse Übung: ich versuche das umzusetzen, was ich von den biblischen Schriften, von Jesus, Gott verstanden habe. Und ich erfahre im menschlichen Miteinander etwas an mir selbst, was ich von Gott erhoffe/erfahre/glaube: dass er für mich da ist.

Gemeinschaft erfahren

Wir erfahren und festigen unser Gemeinschaft. Und erleben damit, nicht allein zu sein. Dieser Wunsch nach Verbundenheit ist urmenschlich. In den Religionen verbindet sich damit die Sehnsucht nach Verbundenheit mit dem Göttlichen, je nach Tradition nach dem Einssein mit allen Wesen, dem Universum oder mit Gott selbst. Bei Gemeinschaftserfahrungen wie einem gemeinsamen Essen kann (!) ich eine Ahnung von einer solchen tiefen Verbundenheit bekommen.

Das ist eine Menge, und für mich auch eine zutiefst religiöse Erfahrung. Und warum Gott nur in der Kirche suchen und finden und nicht auch im Wald oder eben beim Döneressen? Die spirituelle Deutung einer Erfahrung ist immer auch etwas sehr Persönliches.

Ökumene

Dazu kommt für mich noch eine Dimension, die mir in den christlichen Kirchen am Gründonnerstag fehlt, denn da feiern wir unsere Erinnerungen und Vergegenwärtigungen in der Regel schön nach Konfessionen getrennt. Beim Dönerstag ist es aber so: an einem zutiefst christlichen Feiertag, der aus einer zutiefst jüdischen Feier erwachsen ist, treffen sich Leute mit einem gemeinsamen Hobby, Gläubige und Nichtgläubige, in einem Restaurant, das in vielen Fällen von Menschen mit muslimischen Glauben geführt wird, zu einem gemeinsamen Mahl. Das ist in meinen Augen unausgesprochen ganz große Ökumene! Und somit für mich eine wundervolle Weise, diesen besonderen Tag und den wesentlichen Gemeinschafts-Aspekt des Gründonnerstags zusammen mit Freunden und Freundinnen zu gestalten und zu feiern. (Auch wenn diese meine hier notierten Gedanken möglicherweise keineswegs teilen oder sogar ablehen.) Woanders finde ich das bislang nicht.

Schattenseiten

Inzwischen wird die wundervolle Idee des Dönerstags leider von Groundspeak verzweckt. Es gibt in 2017 ein „Souvenir“, ein virtuelles Bild in dem eigenen Geocaching-Profil, wenn man an einem solchen Dönerstag-Event teilgenommen hat. Natürlich sind sie jetzt wie Pilze aus dem Boden geschossen. Und es wird kurios: Es gibt inzwischen auch Dönerstag-Events in der Eisdiele und beim Pizzabäcker. Ich las sogar von einem Dönerstag-Event am Montag...

Abgesehen davon, dass das Wortspiel (Grün-)Donnerstag-Dönerstag nur im Deutschen einen Sinn macht, geht damit die Ursprungs-Idee des Dönerstags verloren und den Bach runter. Das finde ich sehr bedauerlich, aber so ist das nun mal mit der Kommerzialisierung: da spielt das Geld die wichtigere Rolle, alles andere ist nachrangig. Gemeinschaft? Egal: es reicht, mal eben den Kopf durch die Tür zu stecken und Hallo zu sagen: zack, teilgenommen und Statistikpunkt plus Souvenir abgestaubt. Das kann schon mal schöne und sinnenträchtige Ideen und Feiern zerstören.

Fazit

Mir ist der Dönerstag von seiner Ursprungsidee her sehr ans Herz gewachsen. Ich genieße dieses "Mahl halten" und speziell das Döneressen in Gemeinschaft sehr. Die Verzweckung stört mich. Daher werde ich das im Blick behalten und darauf achten, wie sich das auf unsere lokalen Events auswirkt. Danach werde ich entscheiden, wie lange für mich der Dönerstag diese großartige Form bleibt, so vieles von dem zu feiern, was ich mit dem christlichen Gründonnerstag verbinde, aber in seiner gottesdienstlich-liturgischen Form nicht so sinnlich erfahre, wie beim gemeinsamen Döneressen.